Untiefen

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Zwischenraumrelief

1. Platz im Kunst-am-Bau-Wettbewerb Herrichtung des Hauses 2 in der Mauerstraße 27 zur Unterbringung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und des Bundesministeriums für Gesundheit, September 2019

 

Die Stirnwand des Kuppelsaals wird zu einem untiefen Zwischenraum, durch den eine bewegte Vielheit zieht. Aus der Ferne, beim Eintritt ins Gebäude und noch beim Gang über die Treppe wirkt sie wie ein leichter, fliegender Schwarm von umeinander wirbelnden Punkten. Beim Nähertreten zeigt sich aber immer offener die Materialität und die schroffe Technik, die diesen Punkt-Schwarm entstehen ließ. Die Betrachter/innen treffen auf übergroße Bohrlöcher, die in Tiefenabstufungen zwischen 0 und 4 cm die Putzoberfläche durchstoßen. Sie sehen abgeplatzte Farbe, schrundige Kanten, Bohrgrate und immer wieder die Drehspuren von Bohrgewinden in den Löchern.

Der Eindruck der Bewegtheit des Reliefs entsteht durch die unüberblickbaren Varianzen der Tiefen aber auch die wechselnden Ausrichtungen der Lochspuren, deren Licht- und Schattenverhältnis sich bei der Bewegung vor der Fläche ändert. Zudem verändert das durch die Oberlichte im Kuppelsaal und den Seitenflügeln strömende, im Tageslauf wechselnde Licht die Anmutung des Zwischenraumreliefs kontinuierlich.

Der Titel „Untiefen“ bezeichnet einerseits das, was auf der Wand geschieht: Verschieden tiefe Löcher werden in eine Fläche gebohrt und das, was dabei entsteht, erscheint stellenweise sehr tief, verbleibt aber als Ganzes irritierend flach. Andererseits eröffnet der Begriff Untiefe auch allegorisch ein wider-sprüchliches Bedeutungsfeld. Untiefe ist ein Januswort, ein Autoantonym, d.h. eines der wenigen Wörter, das gegensätzliche Konnotationsfelder aufmacht. Je nach Kontext verweist es auf eine abwesende Tiefe oder es deutet eine gewaltige Tiefe an. Die sachlich richtige Bedeutung ist die ältere und fach-sprachliche: In der Nautik bezeichnet Untiefe eine seichte Stelle. Die gegenteilige Bedeutung wird erst seit dem späten 18. Jahrhundert in der Umgangssprache registriert: Im alltäglichen Sprechen wird unter Untiefe zumeist eine derart große Tiefe verstanden, dass sie unermesslich erscheint. Der Begriff hat in beiden gegenteiligen Bedeutungen eine Karriere als Metapher im politischen Diskurs gemacht. Beide Sorten von Untiefen verbergen sich unter glatten, spiegelnden oder blendenden Oberflächen und müssen ausgelotet werden. Wer genau hinhört, dem „offenbaren sich Untiefen“ in seichten Debatten. Oder er/sie entdeckt Dunkelzonen, in denen Unwesen getrieben wird, das nach Aufklärung verlangt. Es wird gebohrt und nachgebohrt.

Man kann das Relief im Ganzen als performative Allegorie auf die plurale Demokratie lesen: Es zeigt von Ferne die bewegte Schönheit eines freien und offenen Zusammenspiels und deutet aus der Nähe die Kompliziertheit der pluralen Offenheit an. So wie im Relief sind Entwicklungen und Auswirkungen unvorhersehbar, die Ränder werden unbestimmt. Und so wie die Bohrungen einen realen Eingriff in die Materialität der Wand darstellen, so bedeutet Pluralität immer auch die Auflösung einfacher, allgemein verbindlicher Normen. Sie ist eine immense Herausforderung an die Politik und fordert eine Grat-wanderung zwischen allgemeinem Interesse und den Anforderungen der fortlaufenden gesell-schaftlichen Differenzierung. Diese komplexe Anforderung deutet sich z.B. in der Namensdifferenzierung des ehemaligen Familienministeriums an, das sich heute explizit auch als zuständig für Senioren, Frauen und Jugend bezeichnet. Beim Blick auf die Aufgabenfelder des Ministeriums fällt auf, dass zu den genannten Zuständigkeitsbereichen ein fünftes zentrales Themenfeld ohne definierte Adressatengruppe tritt. Das Themenfeld „Engagement und Gesellschaft“ erbt die Aufgaben der Familie, die vormals als Fundament und „Keimzelle der Gesellschaft“ galt. Das Ministerium subsumiert hierunter vor allem Konzepte und Förderprogramme zur Wahrung des gesellschaftlichen Zusammenhalts.