Stigma | Wiedergut- machungsversuche

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Stigma | Wiedergut- machungsversuche

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Skulptural-Plastischer Prozess + Publikation

1. Platz im nicht-offenen künstlerischen Wettbewerb mit vorgeschaltetem Interessenbekundungsverfahren zur Realisierung eines Kunstwerks für den „Gedenkort Stadthaus“, Hamburg

...zum Denken gehört immer das Erinnern. Jedes Denken ist, genau genommen, ein Nach-Denken.

Hannah Arendt, Vom Leben des Geistes 1. Das Denken. München, Zürich 1989, S. 84

Die sicht- und fühlbare Reparaturspur ist eine Zumutung im Zentrum der Stadt. Sie zerteilt den eleganten Stadtraum und bildet ein Gegenstück zum offiziellen Ausstellungs- und Gedenkraum in den Stadthöfen, in dem Opferschicksale erinnert und Täterprofile nachgezeichnet werden. Das fleischfarbene Stigma im Außenraum ist ein begehbares Zeichen, ein Denkweg, der bei jedem Schritt gewalttätige Willkür und die Unmöglichkeit einer Wiedergutmachung vor Augen führt. Mit ihm eröffnet sich ein ambivalentes Denkfeld, das sich in keine Richtung auflösen oder beruhigen lässt. Das Stigma bleibt für alle verstörend und die Brutalität der Stigmatisierung, die hier den Stadtraum trifft, erinnert immer wieder aufs Neue an den vergangenen Terror und spiegelt das Schicksal der Menschen, denen im Stadthaus Gewalt und Unrecht angetan wurde. Auch sie wurden von den Nationalsozialisten mit ausgeklügelt differenzierten Zeichen für ihre Abweichung von der totalitären Ideologie gekennzeichnet. Sie können vor der Folie des Nach-Bildes willkürlicher Gewalt als besondere Andere, als abweichend Handelnde, als Menschen, die gegen die ideologische Willkür Widerstand geleistet haben, erfahren und geehrt werden.

Beide Phasen, der skulptural-zerstörerische und der plastische Prozess von „Stigma“, sind öffentlich und komprimieren einen jahrzehntelangen Prozess von Vernichtung, Verdrängung und Wiedergutmachungsversuchen. Sie werden in einer Publikation reflektiert, die dem Ausstellungs- und Gedenkort den bislang weniger beachteten Aspekt des Umgangs der Stadt und der Öffentlichkeit mit einem zentralen Ort der NS-Gewalt hinzufügt. Am Beispiel Stadthaus zeigt sich die Verdrängung der NS-Vergangenheit in den Nachkriegsjahren. Der Gebäudekomplex wurde zur Baubehörde und über die Zukunftsaufgabe Wiederaufbau wurde die grausame Vergangenheit des Ortes ausgeblendet: „Heile, heile Gänsje, ist bald wieder gut.“ Statt Erinnerung und offizieller Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wurde auf Initiative von Mitarbeiter/innen der Behörde 1981 eine Erinnerungsplakette am Eingang des Gebäudes angebracht. Und erst mit dem Verkauf an einen Investor 2009 entdeckte die Stadt ihr Gewissen. Von ihm forderte sie – auch auf öffentlichen Druck durch eine Vielzahl engagierter Menschen – angemessenen Raum für die langversäumte Auseinandersetzung mit dem Ort und für das Gedenken der Opfer. Über den Lern- und Gedenkort in der ehemaligen NS-Exekutivzentrale und die Diskussion um das, was „angemessen“ heißt, hinausgehend, beschloss die Hamburger Bürgerschaft zudem die Bereitstellung von Mitteln für den eingeladenen und anonymen Kunstwettbewerb, aus dem „Stigma“ als Siegerentwurf hervorging.

 

Denkhintergrund

Bei der Auseinandersetzung mit dem Ort und der Arbeit am Entwurf erinnerten wir uns an einen Karnevalshit der 1950er Jahre, der für uns zu einem Denk-Impuls wurde:

Heile, heile Gänsje, ist bald wieder gut.
Kätzje hot e Schwänzje, ist bald wieder gut.
Heile, heile Mausespeck,
In hundert Jahr ist alles weg!

Das schon aus den 1920er Jahren stammende Lied wurde damals deutschlandweit zusammen mit seinem berühmtesten Interpreten, Ernst Neger, gesungen. Mit dem Refrain „Heile, heile Mausespeck, in hundert Jahr ist alles weg“ wurden die Trümmer der Willkürherrschaft, die persönliche Schuld, die Mitschuld, das schlechte Gewissen der Überlebenden, die nie wiedergutzumachenden Vernichtungen und Verluste der heilenden Zeit überantwortet. Zeitgleich wurde das ehemalige Polizeipräsidium und der zentrale Sitz der Gestapo in Hamburg zur Baubehörde, in der nichts an die NS-Vergangenheit der Räume erinnern sollte. Eine ihrer Hauptaufgaben war der Wiederaufbau der zerstörten Stadt; eine Zukunftsaufgabe. Da passte es, dass die meisten der kompromittierenden Akten in den letzten Kriegsmonaten vernichtet worden waren.

Der Wettbewerbsbeitrag „Stigma“ zerstört die Hoffnung auf die heilende Zeit und lässt nach 75 Jahren erneut eine Wunde aufbrechen, um in der gerade endlich fertig restaurierten, „heilgemachten“ Stadtwelt vor den neuen Stadthöfen die Verdrängungsmechanismen und Wiedergutmachungsversuche in Erinnerung zu rufen. Die Arbeit markiert die Stadthausbrücke. Sie schafft ein an sich unerträgliches Zeichen, das schmerzhaft störend verbleibt, das immer aufs Neue erschreckt. Alle Passant/innen treffen auf den zerstörten Weg. Er ist unumgehbar. Er lädt nicht ein, sondern nötigt beim Betreten zum Innehalten. Er stößt seine Nutzer/innen - ungewollt - ins Denken über die sichtbare Willkür und bringt ins Nach-Denken über Untaten und Täter. Im Zusammenspiel mit der Ausstellung im Lesesaal wird die Frage danach wachgerufen, wie die deutsche Öffentlichkeit mit der bedrängenden, erschreckenden NS-Geschichte und dem Trümmerfeld, das sie geschaffen hat, umgegangen ist und wie sich Täter- und Opferschaft, Schuld und Verantwortung zueinander verhalten.

Mit „Stigma“ werden die üblichen Routinen und Rituale des Opfer-Gedenkens gesprengt, die gerade den Menschen, denen der NS-Terror an dieser Stelle der Stadt das Leben besiegelte, nicht hinreichend gerecht werden. Denn in den Stadthöfen wurden vor allem Hamburger/innen inhaftiert, verhört, gefoltert, schikaniert und zum Teil auch getötet, die sich bewusst oder unbewusst der totalitären NS-Ideologie entzogen, die sich aus politischen oder persönlichen Gründen nicht gleichschalten lassen wollten oder konnten, die sich auf verschiedenste Art widersetzten. Sie folgten einer anderen Stimme als derjenigen der Ideologie: Sie folgten ihrem eigenen Gewissen. Die plastische Arbeit „Stigma“ im Außenraum ist die Absetzfolie für die Eigenheit und den Mut derjenigen, die durch das NS-Regime gerade wegen ihrer Andersheit stigmatiert und verfolgt wurden. Sie waren Handelnde, tragische Widerständige gegen den umfassenden Terror – und als solche bewundernswert und vorbildlich.

Es gibt keine Wiedergutmachung für das Unrecht, das ihnen widerfahren ist, aber wir sind ihnen die Anerkennung dafür schuldig, dass sie sich durch Gewalt und Tod nicht vom Handeln, nicht von ihrem Anderssein, ihrer Verweigerung oder ihrem Widerstand haben abhalten lassen. Ihr Gewissen ließ die Entschuldigung nicht gelten, dass man angesichts des totalen Terrors nichts tun konnte, dass man den Mund halten, wegsehen, mitmachen oder gehorchen musste, um zu überleben.

„Wenn jeder nicht-denkend hinweggefegt wird, von dem, was alle anderen tun und glauben, werden diejenigen, die denken, aus dem Versteck herausgezogen, weil ihre Weigerung, sich allen anzuschließen, auffällt und deshalb zu einer Art Tat wird.“ Hannah Arendt. Zwischen Vergangenheit und Zukunft. München-Zürich, 1994, S. 154

 

Skulptural-plastischer Prozess

Der skulptural-plastische Prozess findet auf dem Gehweg zwischen dem Neuen Wall und dem Ausstellungs- und Gedenkraum in den Stadthöfen statt. Er überschreitet horizontal die in der Ausschreibung für das Denkzeichen ausgewiesene, kleine Fläche, ohne die Sicht auf das Gebäude zu verstellen oder Passant/innenströme zu behindern.

Die erste Phase beginnt mit sinnloser Zerstörung. Ausgehend vom Neuen Wall werden wir – unterstützt durch andere Frauen - mit schweren Vorschlaghammern Wunden in das Granitpflaster geschlagen. Die Wahl fällt anfangs auf Platten mit Farbabweichungen oder anderen Auffälligkeiten. Es entstehen erst schmalere Schneisen der Zerstörung, dann verliert sich sukzessive der vermeintliche Grund für den Angriff auf das Pflaster. Der bildhauerische Gewaltakt nimmt zu, es entsteht eine Bresche und am Ende wird der Gehweg rund um den Gedenkort zum Trümmerfeld.

Die zweite Phase beginnt mit dem Sichten und Aufräumen der Gewaltfolgen: Die noch brauchbaren, großen Pflastertrümmer werden ausgewählt und angeordnet, der Rest wird abgeräumt und fortgeschafft. Dabei entstehen großflächig freigeräumte und kleinteilig gebrochene Areale. Im nächsten Arbeitsschritt werden die entstandenen Lücken mit einer Granulatsplittschicht ausgegossen, deren rosafleischfarbener Ton an Prothesen erinnert. Das weiche Material schmiegt sich nahtlos an die Bruchkanten des verbliebenen Granitsteinpflasters. Beim Betreten der „heilgemachten“ Stellen wird die besondere, weichere Konsistenz im Gegensatz zum harten Granituntergrund spürbar wahrgenommen.

Die Mittel – Vorschlaghammer und Gummisplitt – sind präzise ausgewählt: Der Vorschlaghammer ist ein grobes Werkzeug, mit dem keine feinen oder punktgenauen Arbeiten verrichtet werden können. Seine Wirkung ist zwar strukturell, aber nicht genau vorhersehbar. Die Bruchmuster und Bruch-verläufe sind immer auch maßgeblich durch das Material bedingt, auf das der Hammer trifft. Dies gilt in besonderem Maß für einen komplexen und harten Naturstein wie Granit. Außerdem erfordert der zerstörerische Akt weniger Kraft als das Ergebnis vermuten lässt. Denn wenn der schwere Hammer einmal angehoben ist, dann muss er nur noch aus einer bestimmten Höhe auf den Stein fallen, um ihn zu zertrümmern.

Das Reparaturmaterial ist eine Kunststoffgranulat-Polyurethan-Mischung (PUR) – die unter dem Markennamen Tartan erstmals Ende der 1960er Jahre als Laufbahn in einem Stadion eingesetzt wurde. Der fleischfarbene Kunststoffboden, der sich in die kleinsten Risse des klassischen Granit-pflasters zieht und sich nahtlos anschmiegt, erscheint im Stadtraum fremdartig futuristisch, fast wie ein außerirdisches Material. Dennoch ist er straßentauglich.

Das für das Vorhaben beste Verhältnis von Kunststoffgranulat und Splitt sowie die exakte Farbmischung wird in Testreihen entwickelt. Das Ergebnis wird mit allen Straßenschuhen begehbar sein, abriebfest, UV-beständig und lt. Hersteller unbegrenzt haltbar. Ggf. nötige, kleinere Reparaturen der Granulatsplittschicht werden mit derselben bzw. einer annähernd gleichen Materialmischung in späteren Jahren durchgeführt. Solche Reparaturen sind als Wiederholungen des plastischen Ausgangsprozesses zu verstehen. Während die Form erhalten bleibt, werden sich - auch innovationsbedingt - Veränderungen in Materialität und Farbe ergeben, die sich in der Zukunft in das Werk einschreiben werden.

 

Publikation

Parallel zum skulptural-plastischen Prozess wird zusammen mit einem/er wissenschaftlichen Herausgeber/in ein Konzept für eine Publikation entwickelt, die die Geschichte des Stadthauses nach dem Nationalsozialismus und den künstlerischen Prozess einerseits anschaulich darstellt, andererseits zum Anlass nimmt, um über die Komplexität der Beziehungen von Schuld und Täterschaft, Opfer und Handlung, Erinnerung und Nach-Denken zu reflektieren.

Geleitet von Hannah Arendts Gedanken über das Gewissen und seine Bedeutung wird hier danach gefragt, was Denken resp. Nicht-Denken heißt und wie sich historische Schuld von politischer Verantwortung unterscheidet. Das Buch ist wie die Arbeit im Stadtraum als offener Nachdenk-Raum geplant. Es wird den künstlerischen Prozess, seine Auswirkung auf den Stadtraum und seine Wirkung in der Stadtöffentlichkeit im Kontext der skizzierten Verdrängungsprozesse, der verbreiteten Hoffnungen auf die heilende Zeit und den Ansätzen der Wiedergutmachung reflektieren. Ein Augenmerk soll hier auch auf das Handeln der Frauen in den Nachkriegsjahren, ihr Beitrag zum Wiederaufbau, Stichwort Trümmerfrauen, ihr Anteil an der Restauration der 1950er Jahre ebenso wie ihr Engagement für Erinnerung in den Folgejahren gelegt werden. Unser Anliegen ist es dabei, zu vermeiden, von einem moralisch „korrekten“ Standpunkt aus Urteile zu fällen. Die Sachlage ist zu komplex für einfache Urteile.

Parallel wird Publikation unterschiedliche Formen des künstlerischen Gedenkens diskutieren und die Spezifik der Arbeit „Stigma“ herausarbeiten. Sie ist ein materieller Eingriff in die gebaute Wirklichkeit und sie verändert sicht- wie spürbar eine alltäglich genutzte Verkehrsfläche. Sie widersetzt sich der Geschichtsverarbeitung in Ritualen und öffnet stattdessen Vergangenes oder Abwesendes in Anwendung für ein Nach-Denken. Sie trifft und betrifft, nötigt zum Innehalten und löst Erinnerungsereignisse aus, bringt ins Denken.

Die Publikation soll über einen Verlag in den Buchhandel gebracht werden.

 

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