Schatten der alten Welt

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Schatten der alten Welt

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Entwurf von Wandbildern auf Beton für das „Haus der Technik“, Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg, 2015

Endrunde Kunst-am-Bau-Wettbewerb für das Haus der Technik, Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg, Staatliches Bauamt Regensburg

 

Beim Gang durch und um das Regensburger Haus der Technik werden die Studienziele „Vernetztes Denken“, „ganzheitliche Problemlösungen“ unter „Einbeziehung ökologischer, sozialer und ökonomischer Aspekte“ durch eine ebenso schöne, wie irritierende Konfrontation von Bild und Raum virulent: Quer über und durch die Bauwerke läuft die verzerrte Schattenspur einer vergangenen, nicht wiederholbaren Naturszene, die Albrecht Dürer in seinem Aquarell „Das große Rasenstück“ festgehalten hat. Das langgezogene Schattenbild, die verfremdete Spur seines berühmten Vorbilds, hält nicht nur einen unmöglichen Moment fest, sondern eröffnet einen Zeitraum in der Funktionsarchitektur, der zwischen Vergehen, Bleiben und kommender Veränderung changiert. Zugleich berühren die Darstellungs- und Deutungsebenen des Schattenbildes viele Dimensionen des Bauingenieursstudiums (Konstruktion, Technik, Baugeschichte, Kulturgeschichte, Ökologie).

 

Der Schatten resultiert aus einer Imagination: Angenommen wird ein gigantisch vergrößertes „großes Rasenstück“ vor der Nord-West-Ecke des Hauses der Technik, das von einer tief stehenden Sonne so beleuchtet wird, dass es einen Schatten auf die vier Giebelwände und durch die vollverglaste Front hinein in die Flure des Gebäudes F1 wirft. In der fiktiven Versuchsanordnung erzeugt Dürers Rasenbild riesenhafte, schräg verzerrte Schatten, die durch die Vorgaben der Architektur, die Innenhöfe, Etagen, Türen und Wandelemente in Ausschnitte zerlegt werden. Umgekehrt greift das Bild auch die Architektur an: Besonders im Inneren des Gebäudes scheinen die säulenhaft großen Grashalme die Etagen zu durchstoßen und gegen die gegebenen Raumgrenzen zu rebellieren.

Das siebenteilige Wandbild wird mit Silikatfarbe für die Malerei auf Beton in Sprühtechnik ausgeführt. Statt die Schatten in Schwarztönen abzubilden, bzw. in Farbe zu materialisieren, wird das sie erzeugende Licht als weiße Flächen auf den Beton gebracht. Die Schattenflächen selbst bleiben – abgesehen von einer farblosen Grundierung – unbehandelt. Diese Umsetzung überträgt den Vorgang des Schattenwerfens durch Lichtstrahlung auf das Sprühen von Farbe auf die Wand: Die Farbe umstrahlt den schattenwerfenden Gegenstand, der, obwohl er eigentlich imaginär ist, durch dieses Verfahren paradox an Präsenz gewinnt. Die Kanten der Grashalmschatten werden – in Anlehnung an die Anmutung bewegter Schattenwürfe – mit leichter Bewegungsunschärfe weichgezeichnet.

Als Schatten von etwas Abwesendem, zerteilt von der Architektur, wird die vergangene Naturerfahrung von Lehrenden wie Studierenden als unübersehbar, ungreifbar, unheimlich und zugleich als flüchtig schön erfahren. Das Schattenfresko evoziert die Frage nach seiner Herkunft und verweist beim Passieren auf sein Vorbild und mithin das, was wir sukzessive zerstören und vernichten: Diversität und Natürlichkeit. Dabei ist Dürers meisterliche Naturstudie von 1503 selbst bereits ein Dokument für den Übergang in die Neuzeit. Sie lässt zwar ein noch nicht technisch verformtes Stück Natur im Bild überleben, aber in ihrer kalkulierten Zusammenstellung und detailreichen Darstellungsweise steht sie für den Beginn der forschenden Profanisierung der Naturräume. Vorbild und Schattennachbild lassen so die prekäre Ambivalenz von Erforschung, Domestizierung und Vernichtung der Natur im Haus der Technik bleibend flüchtig aufscheinen.