Luther-Melanchthon-Weg | Reform der Gegebenheiten

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Luther-Melanchthon-Weg | Reform der Gegebenheiten

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Plastischer Prozess + Publikation

2. Preis im offenen zweistufigen Wettbewerb Kunst im öffentlichen Raum – Künstlerischer Entwurf für die Gestaltung eines Luther-Melanchthon-Denkmals in Leipzig

 

Der Luther-Melanchthon-Weg zieht seine Benutzer/innen auf einen unbekannten, außer-gewöhnlichen Weg. Er greift in die bestehende Wirklichkeit ein und reformiert die Gegebenheiten, indem er die gerade Wegeachse durch die Grünanlage auflöst und stattdessen in zwei aufeinander folgenden Bögen über das Gelände strömt. In ihn eingelassen sind abertausende Mineraliensplitter, die bei jeder Bewegung und wechselndem Lichteinfall flirrend aufblitzen. Selbst bei trübem Wetter und Dunkelheit reflektieren sie das Restlicht und begleiten die Fußgänger/innen und Radfahrer/innen wie ein Funkenflug auf der Wegstrecke. Der neue Weg kommt vom Rand, schwingt über die schnurgerade Wegachse hinaus, lässt sie in sich verschwinden und mündet dann in eine weite Kurve, um am Ende unvermittelt scharf auf den Bestandsweg zurückzustoßen.

Der Weg spielt ferner metaphorisch auf konkret begangene Wege an. Neben dem Reformations-prozess selbst, der theologischen Denk- und Sammlungsbewegung, verweist er auf realräumliche Bewegungen und die korrelierenden Lebenswege der beiden großen Reformatoren und ihre Reisen im Auftrag der Reformation, so nicht zuletzt an die Reise von Wittenberg nach Leipzig in Begleitung von 200 bewaffneten Studenten. Und schließlich bleibt die Ausrichtung des Weges von beiden Richtungen aus gesehen mehrdeutig auf das persönliche Leben des einzelnen Passanten, der einzelnen Passantin hin deutbar: Von der Stadt aus folgt man fließend einem neuen Hauptstrom, der die bisherigen Gegebenheiten verändert. Von der anderen Seite kommend, muss man sich gegen den entgegenkommenden Strom auf einen neuen Weg begeben.

 

Denkmal in Anwendung

Der Weg ist kein Denkmal im traditionellen Sinn, das an einem vorgesehenen Ort zum Gedenken auffordert, sondern er wird in Bewegung tagtäglich angewendet, übertragen gesprochen: als Denkweg begangen und befahren. Er irritiert die stadtplanerische Funktionslogik und führt seine Nutzer/innen auf leichten, ästhetisch besonderen Umwegen durch die Grünanlage. Dabei schafft er in mehrfacher Hinsicht eine neue stadträumliche Situation: Die Grünanlage auf der Bombenbrache des 2. Weltkriegs ist bislang vor allem frequentierte Durchgangsstrecke zwischen Innenstadt und den anschließenden Parks und Stadträumen. Sie wird durch den funkelnden Denkumweg, dessen Bögen die gehenden und mit dem Rad fahrenden Passant/innen folgen, zu einer eigenständigen Mikrolandschaft, die poetisch und historisch aufgeladen ist.

Nicht nur die geänderte Wegführung, sondern vor allem auch seine besondere Beschaffenheit, seine bei Bewegung und Lichtänderung wechselnde, flirrende ästhetische Erscheinung wird ihn immer wieder aufs Neue als außergewöhnlichen Weg erfahrbar werden lassen. Obwohl er nur in Bewegung und nie ganz erlebt werden kann, wird er - paradoxer Weise: dauerhaft - zum Denkanstoß über die verschieden Aspekte und Effekte dessen, was vor 500 Jahren im Umfeld von Leipzig und in der Stadt selbst allmählich Wirklichkeit wurde: die Reformation und die mit ihr verbundenen neuen Öffnungen, Verschiebungen und Konflikte.

 

Öffentliche Diskussion

Der Luther-Melanchthon-Weg ist eine sichtbare Abweichung von der Gegebenheit und den gewohnten Vorgaben. Die Realisation eines solchen Weges, der in die alltägliche Wirklichkeit eingreift und den Bestand verändert, bedingt nicht nur einen stadtplanerischen, sondern auch einen stadtpolitischen Prozess, in dem die Veränderungen öffentlich diskutiert werden können.

Der Weg interpretiert das, was unter Denkmal traditionell gefasst und allgemein verstanden wird, in neuer Weise. Statt an einem zugewiesenen Ort, einem Denkmalrefugium, gezielt zur Erinnerung aufzufordern, ist er in Bewegung durch ein bestehendes Gelände erfahrbar und wird gerade dadurch dauerhaft zum Denkanstoß. Diese Neuinterpretation ist Ergebnis der Reflexion über die zugewiesene Denkmalfläche, die in einem Grünstreifen liegt, der nicht Park, sondern Passage ist. Jedes Denkmal auf der ausgeschriebenen Denkmalfläche wird notwendig zur Nebensache an dem gut frequentierten Durchgangsweg, die sowohl von den Passant/innen als auch von den Radfahrer/innen wenig oder wenn nur durch gezielten Hinweis wahrgenommen würde.

Für die Durchsetzung dieses andersartigen Denkmals muss der Luther-Melanchthon-Denkmal-Verein von der Ästhetik des Denkweges und den ihn begründenden Argumenten überzeugt werden, damit er seinerseits die Bürger/innen der Stadt für diese zeitgenössische, performative Form des Gedenkens zu begeistern vermag. Der künstlerisch-politische Prozess erfordert Offenheit für Argumente und eine Bereitschaft der Stadtgesellschaft, sich auf nicht Vorgesehenes, Unerwartetes, auf etwas ebenso Sperriges wie Schönes und intellektuell Inspirierendes einzulassen. Wo, wenn nicht in Leipzig, wäre dies denkbar? Ohne die Offenheit und den Mut dieser Stadt wäre einer der wichtigsten Dispute über die Neuausrichtung des christlichen Glaubens nicht geführt worden, wäre ein Meilenstein für die Erneuerungsbewegung der christlichen Kirche nicht gelegt worden.

Die Künstler/innen werden sich unterstützend dem öffentlichen Diskussionsprozess stellen, um die Stadtgesellschaft mit ihren Argumenten vom Weg als Denkmal zu überzeugen und für seine Realisierung zu werben. In der Kostenkalkulation ist eine entsprechende Position für Presse/Öffentlichkeitsarbeit eingebracht, auch um diejenigen zu entlasten, die in der Stadt die Durchsetzung vorantreiben. Der Prozess wird sowohl fotografisch als auch videografisch und in Berichtform dokumentiert. Das Material wird für alle öffentlichen Maßnahmen zur Durchsetzung des Luther-Melanchthon-Weges bereitgestellt und fließt abschließend in die den gesamten Prozess reflektierende Publikation ein.

 

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