Innere Sicherheit – Fünf Gefahrenmuster

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Innere Sicherheit – Fünf Gefahrenmuster

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Entwurf von 5 Fresken auf Glas für das Bundesministerium des Innern, 2017

Endrunde Kunst-am-Bau-Wettbewerb Bundesministerium des Innern – Außenanlagen

Ausstellung Bundesamt für Bauen und Raumwesen, Berlin, 2017

 

Konzept

Über die fünf Panoramafenster der Konferenzräume 1 und 2 im Erdgeschoss des Bundesministerium des Innern ziehen sich „Gefahrenmuster“: Die Fresken auf Glas zeigen, nach innen wie nach außen, immens vergrößerte Glassprünge und -brüche. „Innere Sicherheit“ führt konkret wie abstrakt, schön wie bedrohlich die Verkopplung von Freiheit, Sicherheit und Gefahr vor Augen. Die Bruchmuster zwischen Innen und Außen verweisen darauf, dass Freiheit keine Gegebenheit ist, die gesichert werden kann, sondern etwas, das umkämpft ist und für das immer neu Entfaltungsraum geschaffen werden muss.

„Innere Sicherheit“ beschäftigt die staatlichen Instanzen schon immer. Über die letzten Jahrzehnte haben sich die politischen Repräsentanten auch in Deutschland in Festungen zurückgezogen. So ist das Bundesministerium des Innern eine Enklave im eigenen Land, die durch einen hohen Zaun geschützt wird und nur von befugten Personen durch „Vereinzelungsanlagen“ betreten werden kann. Darüber hinaus greift ein geheimes Sicherheitskonzept.

Alle Maßnahmen geben den im Ministerium Beschäftigten wortwörtlich „innere Sicherheit“, aber zugleich grenzen sie sie auch von der umgebenden Wirklichkeit ab. Rückzug, Kontrolle und Unfreiheit sind die Schattenseiten größtmöglicher Sicherheit. Unbestrittener Weise gelten für Repräsentanten andere Sicherheitsmaßnahmen. Sicherheitskonzepte müssen immer wieder an veränderte Gefahrenlagen angepasst werden. Dennoch kann die Festungssicherung niemals Vorbild für die Sicherung unseres öffentlichen Lebens sein, da sie die meisten unserer Denk- und Handlungsspielräume vernichten würde.

Da auch die Kunst in den Außenanlagen des BMI als Gefahrenfaktor eingestuft wurde, sind die Auflagen hoch. Nach erneuter Reflexion der Ausschreibung hinsichtlich der Erwartungen, der Adressaten und mit Blick auf maximale Gestaltungsfreiheit bei minimaler Gefährdung des Sicherheitskonzepts, wurden – zum Schutz von Ministerium und Kunst – die Innenflächen der Panoramafenster der Konferenzräume 1 und 2 als Kunststandort gewählt.

Auf die fünf großen Scheiben werden ausgewählte Glasbruchmuster, die bei Ein- und Durchschüssen, Wurf-, Druck- und Stoßattacken entstehen, als Fresken mit Speziallacken aufgebracht. Die vorgeschlagenen „Gefahrenmuster“ wurden in mehreren Abstraktionsgängen aus Fotovorlagen entwickelt. Sie sollen in Grauskala, ergänzt um Spiegellack ausgeführt werden. Erst auf eine gewisse Entfernung setzen sich die Motive zusammen und wirken dann wie – abgefangene – Angriffe aufs Innere. Die Bruchbilder verunsichern und verführen zugleich, aber sie bergen selbst keine Gefahr.

Die Kunstwerke sind sowohl von innen sichtbar als auch beim Spaziergang durch die Außenanlagen oder vom Zaun aus. Dazu tritt ein Performance-Aspekt: Die Rollläden vor den Fenstern der Konferenzräume werden nur bei Nutzung hochgezogen, so dass die „Gefahrenmuster“ nur sichtbar werden, wenn tatsächlich in den Räumen etwas verhandelt wird. Innere Sicherheit“ sieht der Gefahr ins Auge und zeigt zugleich die Schönheit der Gefahr. Die Arbeit trotzt der Sicherheit die größtmögliche Freiheit, wendet sich offensiv gegen Angriffe auf Freiheit und zeugt darüber hinaus von einer vertrauensvollen Gelassenheit gegenüber latenten, unwägbaren Gefahren.

 

Anmerkung

missing icons waren mit zwei Entwürfen in der Ausstellung zum Wettbewerb vertreten, die vom 1.3. bis zum 15.3.2017 im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung in Berlin zu sehen waren: „Enklave“ (Vorrunde) und „Innere Sicherheit | Fünf Gefahrenmuster“ (Endrunde). Nachdem der erste Entwurf wegen des strikten Sicherheitskonzepts des BMI aufgegeben werden musste, wurde der alternative Entwurf für die Endrunde von der Jury als „unzumutbar“ bewertet und ausjuriert.

Etwa zeitgleich sagte Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, in einem Interview in der Rheinischen Post vom 11.02.2017: „Kunst und Künstler müssen Zumutungen sein dürfen, weil sie das kritische Korrektiv eines Gemeinwesens sind. Wenn sie diese Rolle nicht mehr spielen dürfen, verliert die Kunst ihren Wert.“