Grenzerfahrung

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Grenzerfahrung

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Performative Skulptur

Ca. 300 Vierkantrohre, Edelstahl poliert, 8 x 8cm, 0,3cm Wandstärke, variable Höhen zwischen 150 und 300cm, Gesamtfläche ca. 42m x 26m

Wettbewerb "Entwürfe für ein Einwanderungs-Denkmal", Ruhr Museum Essen
anlässlich des 60. Jahrestag des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei, 2021

 

Betritt man den Ehrenhof durch den historischen Haupteingang oder beim Rundgang über das Gelände der Zeche Zollverein, trifft der Blick auf ein langgezogenes Hindernis: Quer über das Rasenparterre im Zentrum des Platzes zieht sich eine schwankende Linie aus einer Vielzahl silbern schimmernder Vierkantstäbe. In einem unregelmäßigen Reigen überqueren und überschreiten sie den denkmalgeschützten Rasengrund. Sie schlängeln sich an den Rasenkanten entlang, schwenken schräg über das Rasenfeld und schießen vorne wie hinten über die mit Steinen umsäumte Rasenfläche hinaus. Kein Stab gleicht dem anderen. Sie unterscheiden sich in Längen und Lagen und scheinen auf ihrem Weg unsichtbare Barrieren zu umrunden. Dabei taumeln sie, kippen zu allen Seiten, fallen reihenweise, stoßen gegeneinander und richten sich wieder auf.

„Grenzerfahrung“ ist ein gebautes Paradoxon: Das Kunstwerk ist Grenze und Grenzauflösung in einem. Es bricht die Grenzen der denkmalgeschützten Ordnung auf und macht den Ehrenhof zu einem Grenzgebiet, indem es ihn zerteilt und überschreitet, dabei dennoch umrundet werden kann. Abgrenzung und Öffnung verschmelzen in eins und die Grenzlinie wirkt durch die vielförmigen Raumlagen, die Gebrochenheit der Linienführung wie die im Tageslauf wechselnden Lichtreflexionen und Schattenwürfe in sich offen und bewegt. Fast wie ein Tanz über das Rasenparterre. Von oben, von einem der zahlreichen Aussichtspunkte der Zeche Zollverein betrachtet, ähnelt die Arbeit schließlich den sich schlängelnden Grenzlinien zwischen Nationalstaaten wie sie auf Karten verzeichnet sind.

Hintergrund

„Grenzerfahrung“ ist performativer Nachvollzug der Erfahrungen, die vor, mit, bei und vor allem auch nach dem Übertritt von Grenzen begegnen. Titel und Werk deuten sowohl den Begriff der Grenze als auch die daran anschließende, gebräuchliche Metapher der Grenzerfahrung, die für Lebenssituationen verwendet wird, in denen Menschen an ihre Limits stoßen, wenn sie sich in unbekanntes Gebiet begeben oder bestehende Barrieren überwinden. Migration ist notwendig an permanente Grenzübertritte geknüpft und immer eine persönliche Grenzerfahrung. Der tatsächliche Grenzübertritt ist dabei die kürzeste Teilstrecke.

Migrationserfahrungen sind ambivalent und komplex, setzen sich aus Erfahrungen des Aufbruchs, der Öffnung, Ausgrenzung, Abgrenzung, der gewollten oder abgelehnten Assimiliation zusammen. Dies gilt für die Migrant:innen, aber in Teilen auch für die zuvor fraglos und selbstverständlich Einheimischen eines Landes, die durch die Hinzukommenden mit unbekannter Sprache, Kultur und Religion konfrontiert sind. Die Mechanismen der Abgrenzung sind in der Zuwanderungsgeschichte ablesbar – und es ist schwer, ihnen politisch entgegen zu steuern. Denn bei allem politischen Streben nach Gleichheit und Gerechtigkeit, sind diese Mechanismen der Ein- und Abgrenzung für jede:n überlebensnotwendig. Abgrenzungen werden sich nie erübrigen. Sie werden aber dann zum Problem, wenn sie hermetisch und fixiert sind, wenn sie keine Öffnungen, Übergänge und Anpassungen zulassen.

Wenn ein Einwanderungsdenkmal in Deutschland eines betonen und lebendig in Erfahrung bringen sollte, dann wäre es vielleicht das: Deutschland steht nicht unter Denkmalschutz. Das Land und seine Kultur sind natürlich nicht unbegrenzt und unbesetzt, aber dennoch offen und anpassungsfähig. Mit Blick auf eine gemeinsame Zukunft in einer durch Migration gezeichneten Welt könnte „Grenzerfahrung“ im Denkmal Zeche Zollverein eine komplexe, überaus sinnlich erfahrbare Metapher werden: In ihr spiegeln sich die Not und Notwendig des Begrenzens, sie versinnlicht Abgrenzung ebenso wie Grenzauflösung, sie ist fragiles, offenes Hindernis, das zum andauernden Perspektivwechsel und Denkbewegungen herausfordert.