Der grenzenlose Garten | Jüdischer Garten in den Gärten der Welt

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Der grenzenlose Garten | Jüdischer Garten in den Gärten der Welt

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Begehbare Skulptur auf artenreicher Wiese und Distribution einer Denkanweisung

Konzept für den Jüdischen Garten in den Gärten der Welt, Berlin Marzahn, 2018 in Koopertion mit WES LandschaftsArchitektur

Die ganze Welt ist der jüdische Garten. G-tt hat sie dem jüdischen Volk zum Lehen gegeben und ihm aufgetragen, sie achtsam und verantwortungsvoll zu nutzen:

Siehe meine Schöpfungen, wie schön und wundervoll sie sind. Alles, was ich geschaffen habe, habe ich nur für dich getan. Bedenke dies und zerstöre und vernachlässige nicht meine Welt. Denn wenn Du sie erst zerstört hast, ist nach dir keiner mehr da, der sie wieder reparieren kann. (Talmud-Zitat, zit. nach Yael Kupferberg: Zum Naturverständnis des Judentums, 2018, S. 16)

Um dieser Aufforderung zum Sehen und Bedenken einen Ort zu geben, erscheint in den Gärten der Welt der eigentlich undenkbare Mittelpunkt des grenzenlosen Weltgartens: Acht Pfade führen schwebend leicht über eine artenreiche Wiese und laufen strahlenförmig auf einen Mittelpunkt zu. Die Wege formieren sich aus gestreuten, runden Partikeln, wachsen aus den Bestandswegen heraus und steigen langsam an, um vor einem Kreisrund abrupt abzubrechen. Leicht erhoben über die Welt erfährt man hier eindringlich die Schönheit und Vielfalt der wilden Wiese.

Die auf eine leere Mitte zulaufende Skulptur, deren längster Pfad Richtung Jerusalem weist, ist auch von oben, z.B. vom Marzahner Ausguck sichtbar. Bei Dämmerung und düsterem Wetter leuchten die Wege zudem aus sich selbst heraus und zeichnen die Form von den Seitenwegen aus sichtbar in die Dunkelheit. Die gestreut-schwebenden Wege sind achtsam begehbar und ein Weg wird so konstruiert, dass er behutsam mit dem Rollstuhl befahren werden kann. Die durch die Konstruktion der Wege abverlangte Achtsamkeit ist Teil des Konzepts: Siehe und Bedenke.

Um diese Anweisung zur Achtsamkeit auch über die Grenzen der Gärten der Welt in alle Welt zu streuen, wird rund um die Eröffnung des jüdischen Gartens das als Denkanlass genommene Talmudzitat in viele Weltsprachen übersetzt und als Denkanstoß auf Großwerbeflächen deutschlandweit plakatiert sowie als Plakat im Shop der Gärten der Welt zum Kauf angeboten.

 

Denkhintergrund

Die Beschäftigung mit dem Naturverständnis im Judentum und der eigentlich unlösbaren Aufgabe, einen jüdischen Garten zu erfinden, führte uns zur Kabbala, zur „Lehre vom Geheimen“ und ihrer Frage danach, wie G-tt die Welt aus dem Nichts erschaffen hat. Sie spiegelt sich im Diagramm des Sephirothbaums. Das Diagramm liefert keine Wahrheit, sondern ist ein Denkwegesystem aus zehn Sephiroth, göttlichen Emanationen, und zweiundzwanzig verbindenden Pfaden der Weisheit. Im seinem Zentrum befindet sich Tiferet, die Sephira der Schönheit und Harmonie, auf die alle Pfade und Fragen zulaufen.

Dieses Zentralmotiv haben wir als Vorbild für die Darstellung des leeren Mittelpunkts der Welt und damit des Grenzenlosen Gartens gewählt. Dabei ist weder die Vermittlung dieser Motivfindung noch spezifisches Wissen über den Lebensbaum für die ästhetische Erfahrung oder für die allegorische Deutung der begehbaren Skulptur auf der artenreichen Wiese erforderlich. Es ist ein kabbalistisches, ein geheimnisvolles zusätzliches Wissen, das sich all denen offenbaren wird, die gezielt danach forschen.

 

Begehbare Skulptur

Die begehbare Skulptur des Grenzenlosen Gartens besteht aus acht unterschiedlich langen Pfaden, die auf einen unsichtbaren Mittelpunkt zulaufen. Sie geht über die Grenzen des Suchfelds hinaus, verliert sich in den Bestandswegen und in den umgebenden Gartenflächen. Der längste Pfad ist 45 m lang, läuft auf den Marzahner Ausguck zu und zeigt nach Jerusalem.

Die Skulptur besteht aus ungefähr mehreren tausend kreisrunden Tafeln aus Quarzit mit spaltrauer Oberfläche, deren Durchmesser zwischen 6, 13, 16, 19 und 32 cm variieren. Sie werden ausgestreut entweder als Intarsien in die Bestandswege und den Erdboden eingelassen oder auf verschieden langen, polierten Edelstahlrohren mit einem Durchmesser von 6 cm montiert und der Steigung entsprechend angeordnet. Die Steigungen der Pfade bewegen sich zwischen 1% und 4,5 %, ihre maximale Höhe über dem Boden beträgt 50 cm. Der Pfad mit 1%-iger Steigung wird rollstuhltauglich konzipiert und realisiert.

Die Beleuchtung der Pfade erfolgt über ca. 300 acrylvergossene LED-Leuchten mit einem Durchmesser von 6 cm. Sie werden wie die Steintafeln in die Pfade eingestreut, ebenfalls entweder als Intarsien in die Wege und Erdboden eingelegt oder in Edelstahlrohe eingegossen aufgestellt. Ihre Menge nimmt von den Rändern zur Mitte hin zu. 

Artenreiche Wiese

Die Schönheit und Vielfalt artenreicher Wiesen erschließt sich spontan, fast wichtiger aber ist heute ihr ökologischer Nutzen. Sie sind ein bedeutendes Thema des Artenschutzes und werden auf europäischer Ebene gefördert, um dem durch Agrarmonokulturen bedingten Insektensterben entgegenzuwirken. Doch damit ist nur der oberirdische, für uns sichtbare Teil der Fülle angesprochen, die sie in sich tragen. Denn sie schaffen auch unterirdisch Raum für atemberaubend vielfältiges Leben: In einem Gramm artenreicher Wiese befinden sich bis zu eine Milliarde Kleinstlebewesen. Damit ist die Anpflanzung und Pflege von artenreichen Wiesen nicht nur mit dem Naturverständnis des Judentums vereinbar, sondern an ihnen wird ferner die Komplexität der Wechselbeziehungen von Welt und Lebewesen erkennbar.

Die für den Jüdischen Garten konzipierte artenreiche Wiese orientiert sich an den klimatischen Bedingungen Berlins, den allgemeinen Bodenbedingungen der Region, den bestehenden Licht- und Schattenzonen des Suchfelds sowie den aus der Skulptur erwachsenden Anforderungen. Auf den Plakaten ist ein entsprechender Entwurf der Bepflanzung sowie ihres Erscheinens/Vergehens im Jahreslauf skizziert, der erweitert oder modifiziert werden kann. Zum Erhalt wird die Wiese einmal im Jahr gemäht.

Distribution einer Denkanweisung

In Deutschland überlagert das Gedenken des Holocaust das Nachdenken über jüdische Religion, Kultur und Tradition. Der Jüdische Garten bietet die Chance, sich genauer mit einer u.E. für die Welt und ihren Fortbestand bedeutsamen Vorstellung aus der jüdischen Religion und Kultur zu beschäftigen.

Die denkleitende Vorstellung, dass die Welt nur Leihgabe G-ttes ist, mit der wir verantwortungsvoll umgehen müssen, erscheint uns inmitten der umweltzerstörenden Gegenwart als besonders zukunftsweisend. Deshalb wollen wir zur möglichst breiten Verbreitung des unser Konzept prägenden Talmud-Zitats eine deutschlandweite Plakatkampagne starten. Begleitend zur Einweihung/Eröffnung des Grenzenlosen Gartens soll das Zitat auf Hebräisch sowie in vielen europäischen und außereuropäischen Sprachen zusammen mit jeweils einer groß herausgestellten Wildblume oder einem Gras der artenreichen Wiese auf Großwerbeflächen für zwei Dekaden (22 Tage) plakatiert werden. Parallel dazu sollen Pflanzen-Plakate in allen Sprachen im Shop des Besucherzentrums zu erwerben sein.

Attraktionen im Tages- und Jahreslauf

Die begehbare Skulptur ist eine Attraktion sowohl für diejenigen, die achtsam über die Pfade gehen, als auch für diejenigen, die sie dabei beobachten: Die Menschen auf der Skulptur scheinen nämlich über den Gräsern und Blumen der artenreichen Wiese zu schweben. Magisch wird das Erlebnis, wenn die Skulptur in der Dämmerung aus sich heraus zu leuchten beginnt. Über den Jahreslauf kommt es zudem zu einem immer wieder neuen Zusammenspiel von Skulptur und artenreicher Wiese. Nach der Maht im Frühjahr tritt die Skulptur kurzzeitig hervor bevor die Wiese allmählich wächst, dann in den verschiedenen Farben über den Sommer erblüht, sich im Herbst verfärbt bis schließlich Raureif oder Schnee auf den trockenen Wintergräsern steht.