Camerloher Weltraumtore

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Camerloher Weltraumtore

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Sternenstaub (Haupteingang) + Meteoroide (Pausenhofeingang)

Glasfreskenkonstellation | Türanlagen Haupteingang und Pausenhofeingang

Grundschule Camerloher Straße, München Laim, 2018

 

Die Camerloher Weltraumtore, „Sternenstaub“ (Haupteingang) und „Meteoroide“ (Pausen-hofeingang), machen die Ein- und Ausgänge des Neubaus der Grundschule zu Portalen, die in ferne Raumzeitdimensionen führen. Durch einen magisch schillernden Bogen aus flirrenden, unbestimmten Partikeln tritt man ins Innere der Schule und steuert auf ein schwebendes Meteoroidenfeld zu, das man beim Heraustreten auf den Pausenhof durchquert. Die kosmi-schen Tore verlocken zum Eintritt in neue Dimensionen und stehen bildhaft für den Aufbruch ins Unbekannte, der in dem neuen Schulgebäude gewagt wird, das abgestimmt auf das Lernhauskonzept entwickelt wurde. Alle, Kinder, Eltern, Lehrer/innen und Anwohner/innen, betreten hier einen ungewohnten, neu zu erforschenden und zu gestaltenden Raum.

Die Weltraumtore an den Hauptein/ausgängen der Schule, die mittig und einander vis à vis das Gebäude öffnen, machen die Schwelle zwischen Innen- und Außenraum, die Momente der Passage, der Forschung und des Entdeckens von Unbekanntem zum täglichen Erlebnis. Bei jedem Gang durch die Tore klingen die Herausforderungen, die Möglichkeiten und die unendlich vielen Erfahrungen an, die Kinder in der Grundschule machen.

 

Eine Grundschule ist ein wichtiger Übergangsraum für Kinder: Die Zeit des reinen Spielens ist vorbei. Ihr Tag wird fortan durch die Schule und ihre Anordnungen strukturiert. Ab sofort geht es um etwas: ums Lernen und um Bewertungen für Lernerfolge. Fast noch wichtiger als das Erlernen von Wissen und Fertigkeiten ist die in der Grundschule erfolgende Sozialisation. Spätestens beim Wechsel in die höhere Schule haben sich die Schulkinder Welten von dem kleinen Kind entfernt, als das sie eingeschult wurden. Diese besondere Schwellensituation ist in der Camerloher Grundschule nochmals potenziert, da das Lernhauskonzept alte Methoden zur Disposition stellt und stattdessen neue Unterrichts- und Lernformen anwenden wird. Gebäude und Konzept der Schule unterscheiden sich damit grundlegend von dem, was die Erwachsenen aus ihrer eigenen Schulzeit kennen und ihren Kinder über Schule erzählen.

Die Weltraumtore eröffnen auch für das auf Zukunft gerichtete Lernhauskonzept ein korrespon-dierendes Metaphernfeld, da die neue Schule Pionier- und Forschergeist fordert und fördert. Die Schule wird zu einer Art Zeitraumtunnel oder zum Raumschiff, in dem die Kinder in vier Jahren die erste Schwelle Richtung Jugend überqueren und in bislang unbekannte Dimension vordringen.

Doch die Tore sind keine schlichten Signets für die Möglichkeiten eines neuen Konzepts. Sie sind ebenso konkret erlebbar wie sie virtuell entzogen bleiben. Sie sind echte Portale, die täglich passiert werden müssen, und doch rieseln und schweben die kleinen und größeren Sternen- und Planetenpartikel ungreifbar magisch, dreidimensional changierend zwischen den Isolierglasscheiben. Die partielle Spiegelwirkung verstärkt die Virtualität der Erscheinungen.

Die gedruckten und gemalten Partikel auf den verschiedenen Innenseiten der Verglasung machen zudem die sonst unsichtbare gläserne Grenze zwischen dem Inneren, dem innerschulischen Bereich, und dem Außen, dem öffentlichen Raum und dem Hof erfahrbar. Sie entfalten dabei jedoch eine so große Sogwirkung, ziehen nach innen wie nach außen, dass sie die offen gelegte Grenze gleich wieder verunsichern. Sie entführen die Eintretenden in einen grenzenlosen Raum, den sie erst beim Austritt in die vertraute Wirklichkeit, auf die Straße, in den Hof, wieder verlassen.

 

Das Sternenstaubtor (Haupteingang)

Das Camerloher Sternenstaubtor ist kein Abbild, sondern die Imagination – die fotografisch-digitale Erfindung – eines immens vergrößerten Sternenstaubnebels. Es zeigt schwebende, unregelmäßig geformte, grau-weiß-schwarze und spiegelnde Partikel in einer gestreuten, bogenhaften Ansammlung. Die Komposition verknüpft Bildwissen von Hubble-Teleskopaufnahmen, Raster-elektronenaufnahmen von Sternenstaub, mit dem Wissen und den Vermutungen über die Formen und Beschaffenheit des Staubs.

Sternenstaub macht nur ca. 10% des kosmischen Staubs aus, von dem die Erde pro Jahr etwa 30.000 Tonnen einfängt. Er ist das mikroskopisch winzige Abfallprodukt von den superhellen Explosionen (Novae, Supernovae), die das Ende eines Sterns anzeigen. Wenn ein Stern in diese Endphase großer Leuchtkraft eintritt, wird der Sternenstaub durch den Sternwind in planetarischen Nebel verwandelt. Sichtbar wird dieser Nebel durch das Licht anderer Sterne im System. Der Sternenstaub selbst besteht aus Kristallen, amorphen Festkörpern und Molekülketten mit Partikelgrößen zwischen 5 Nanometer und 10 Mikrometer, d.h. sie sind mit bloßem Auge kaum sichtbar. Sie sind häufig Verbindungen von Gasen und Erzen, z.B. Wasserstoff, Helium, Sauerstoff und Eisen, Magnesium oder Silizium. Auch hitzebeständige Edelsteinmoleküle aus Diamanten, Saphiren oder Spinellen sind typisch.

Die flirrenden, spiegelnden Staubflocken auf den Innenseiten des Isolierglases im Haupteingang der Schule Camerloher Straße haben damit einen realen Bezug, aber dennoch wirken sie magisch: Sie glitzern zauberisch und ein wenig unheimlich, denn sie scheinen ausgestreut von einem fernen Ort und einer höheren, einer gewaltigen Macht. Sie tauchen ganz unvorhergesehen auf, sind da und bleiben doch unbestimmbar fremd.

 

Das Meteoroidentor (Pausenhofeingang)

Das Motiv des Meteoroidenschwarms, der schwebend über den Pausenhofeingang der Grundschule Camerloher Straße zieht, stammt aus dem Mikrokosmos: Es ist die immense Vergrößerung einer frei ausgeworfenen Streuung von Muskovitglimmerpartikeln, die fotografiert und im Anschluss digital bearbeitet wurde.

Echte Meteoroide sind kleine Objekte unseres Sonnensystems auf einer Umlaufbahn um die Sonne, deren Größe von Bruchteilen eines Millimeters (Mikrometeoroide) bis zu vielen Metern reichen kann und die entsprechend Massen von Milligramm bis zu mehreren Tonnen besitzen. Auch sie sind gewissermaßen ausgestreut. Sie entstehen durch Einschlag oder Zusammenprall aus Material von Asteroiden, Zwergplaneten oder Planeten. Oder sie werden entweder durch Gravitation aus dem Asteroidengürtel oder durch Sonnenwinde aus Kometenkernen herausgelöst. Sie zerfallen in einen Meteorstrom und treiben mit hoher Geschwindigkeit durchs All. Kollisionen mit Meteoroiden sind gefährlich. Selbst kleine Objekte besitzen große Einschlagsenergien und Zerstörungspotentiale.

Das Meteoroidentor macht diese Ambivalenz von schwerelosem Schweben und beständiger Kolli-sionsgefahr bei jeder Passage erlebbar. Die Glasscheibenfront bildet dabei eine Art atmosphäri-schen Schutzschirm gegen das weitere Vordringen der Teilchen aus dem All. Statt wie bei der Kollision mit der Erdatmosphäre als Sternschnuppen zu verglühen, werden sie hier in einer andauernden Schwebe gehalten.

Meteoroiden transportieren ein Moment größter Freiheit, aber verweisen zugleich auch auf die immense Größe, Leere und Unbewohnbarkeit des Universums, in das die Menschen bislang nur winzige Schritte gemacht haben. Die Meteoroiden schweben stillgestellt vor dem Pausenhof, der hinter ihnen gewissermaßen zum Sinnbild unbeschwerten irdischen Lebens wird, dessen Fragilität und Vergänglichkeit von den fremden, befremdlichen Partikeln angemahnt wird.