Raum für grenzwertige Mitteilungen

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Raum für grenzwertige Mitteilungen

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Temporäre Fassadengestaltung und Textperformances, Stadtspeicher, Jena, 2013

1. Platz im Wettbewerb zur Gestaltung der Glasfassade des Jenaer Stadtspeichers im Projekt „BrandSchutz // Mentalitäten der Intoleranz“ der Friedrich-Schiller-Universität Jena

6 Performances, September-Oktober 2013

 

Der Jenaer Stadtspeicher am Markt, ein historisches Gebäude mit moderner Glasfassade, wurde zum Schreibraum bzw. als Schrifttafel umgewidmet. Die tatsächlichen oder auch vermeintlichen Toleranzgrenzen Jenaer Bürger/innen wurden in Schreibperformances veröffentlicht, die als verführerisches Schattenschauspiel auf der leuchtenden Fassade vom Marktplatz aus betrachtet werden konnten.

 

Es reicht nicht aus, Toleranz als Heilmittel gegen Intoleranz zu behaupten. Mit dem Raum für grenzwertige Mitteilungen wollten wir Raum geben für eine öffentliche Debatte über verborgene, unbewusste Toleranzgrenzen. Die öffentliche Konfrontation mit fremden und eigenen Grenzen, mit der eigenen Sprachlosigkeit oder fehlendem Engagement erscheint wirksamer gegen geschlossene Weltbilder als Belehrungen, Appelle oder Ausschlussgesten.

Für die Performances wurde die Fensterfront des Stadtspeichers innen mit weißtransparenten Vorhängen abgehängt, auf die von hinten unterschiedlich farblich abgetönte LED-Scheinwerfer gerichtet wurden. Hinter den Fenstern entstand so ein untiefer, unbestimmter Raum, der bei Dunkelheit in den sich überlagernden, unterschiedlichen Weißtönen leuchtete. In einer öffentlichen Werkstatt wurden Buchstaben und Satzzeichen aus schwarzen Kapa-Graph-Platten geschnitten. In Gesprächen während der Werkstattzeiten und bei Treffen mit verschiedenen Leuten in der Stadt sammelten wir Fragen, Themen und grenzwertige Aussagen, aus denen wir sechs performative, poetische Texte mit jeweils anderer Choreographie fassten.

Die Schreibperformances fanden mit einer Gruppe von Performer/innen in den dunklen Abendstunden statt, so dass sie als Schattenspiel vom Marktplatz aus zu verfolgen waren. Dabei wurden die schwarzen Buchstaben vor die Vorhänge direkt in die Fenster gelehnt. Das Gegenlicht ließ sie als dunkle Aussparung erscheinen.

Das Mitteilen auf der Stadtspeicherfassade war ein allmähliches Buchstabieren. Die Sätze entstanden durch zeilenweisen Bau und Umbau von Buchstaben zu Wörtern zu Sätzen, Fragen, Ausrufen, Appellen. Im Schreiben verschob sich der Sinn laufend. Er drehte sich, verkehrte sich bisweilen ins Gegenteil, blieb dabei immer in der Schwebe, ambivalent und zweischneidig noch in der letzten Mitteilung, die dann jeweils für eine Woche auf der Fensterfront stehen blieb.

BrandSchutz // Mentalitäten der Intoleranz