Das Wesen der Verpackung

werke

Das Wesen der Verpackung

werke

Sammlung | Transformationsprozess | Performance | Ausstellung, Galerie da Mihi, Bern (CH), 2016

1. Platz im Projektwettbewerb der Fondazione da Mihi, Bern (CH), 2015

 

Das Wesen der Verpackung verkoppelt die Kunststoffverpackungsüberproduktion des globalen Warenmarkts mit der Produktion von hochpreisigen Kunstobjekten für den globalen Kunstmarkt. Das Projekt begann mit der Sammlung der Ausgangsobjekte: entleerte, nutzlos gewordene Getränkeverbundstoffkartons, die dann in in Kunst verwandelt wurden: Indem ihr Inneres nach Außen umgekehrt, umgestülpt wurde, entstanden aus den geometrischen Kartons eigenartige, wesenhafte Gebilde. Die Verpackungswesen wurden daraufhin in wechselnden Posen fotografiert und schließlich in einer öffentlichen Performance vom Balkon der Galerie zurück in den Stadtraum geworfen. Zum Schluss wurden sie dort eingesammelt und dem Recycling zugeführt. Im Galerieraum verblieben sie nur als mediale, auf Wunsch re-materialierbare Spuren: Aus einem digitalen Archiv können die einzelnen Motive aufgerufen und on demand als Fine-Art-Ausdrucke gekauft werden.

 

In jedem Haushalt fallen täglich Mengen an leeren, verbrauchten, überflüssigen Verpackungen an. Insbesondere hochwertige Verbundstoffe werden zu Abfall. Von den in Deutschland verbrauchten Verbundstoffgetränkekartons, weltweit nach dem schwedischen Original Tetra Pak genannt, werden lt. aktuellen Studien nur ca. 36 % dem Recycling zugeführt. Der Rest wird zumeist verbrannt, d.h. Herstellungsenergien, Transportenergien und kurzer Gebrauchswert lösen sich in Wärmeenergie und Schadstoffemissionen auf. In der Schweiz fällt die Bilanz noch schlechter aus, weil die Kartons (Stand 2016) nicht landesweit gesammelt werden und nur einzelne Sammel-Pilotprojekte des vom Schweizer Tochterunternehmen Tetra Pak angestoßenen, industrienahen Vereins Getränkekarton-Recycling laufen.

Zugleich steigt die Nutzung der von der Industrie als „ökologisch“ beworbenen Verpackungen weltweit, da sie durch ihre – auf die in ihnen abgefüllten Flüssigkeiten abgestimmten – Verbundstoffe eine lange Haltbarkeit bei geringem Eigengewicht und normierter, raumsparender Form bieten. Entleert können sie relativ flach zusammengefaltet und entsorgt werden. Allerdings wirkt gerade ihre komplexe Struktur negativ auf ihre Ökobilanz zurück: Sie bestehen durchschnittlich nur zu 63 % aus Papier, zu 23 % aus Kunststofffolien, zu 4 % aus reinem Aluminium und zu 10 % aus einem Plastikschraubverschluss. Fazit: Tetra Paks sind ökonomisch, in der Ökobilanz aber Mehrwegverpackungen dramatisch unterlegen.

 

Arbeitsprozess

Die Bürger/innen der Stadt Bern wurden gebeten, geleerte Getränkeverpackungen aus Verbundstoffen (Tetra Paks) aufzuheben und in der Galerie da Mini abzugeben. Die Sammler/innen wurden eingeladen, bei der anschließenden Umarbeitung der Getränkekartons zu Kunst zuzusehen oder mitzuhelfen. Dabei entwickelte sich die Galerie zum Gesprächsraum, in dem der alltägliche Anfall von Abfall, das paradoxe Sammeln unbrauchbar gewordener Verpackungen und das aufwändige, mühselige Umwenden der Verpackungen Gesprächsanlässe boten, während parallel der wertlose Kartonberg in wertvolle, silbrig, weiß oder bräunliche schimmernde Objektkunst verwandelt wurde. Im Nebenraum wurden die Objekte nach dem Trocknen exponiert und vor schwarzem Hintergrund digital fotografiert und wieder auf einen Haufen geworfen.

Alle umgestülpten Verpackungen wurden zum Schluss in einer öffentlichen Performance über den Balkon der Galerie in den Innenstadtraum von Bern geworfen. Mit dem Wurf in den Stadtraum waren die im Kunstraum gefertigten „Kunstobjekte“ zur öffentlichen Mitnahme bzw. zur Abholung durch die Müllabfuhr freigegeben. Statt der originalen Objekte bot die Galerie eine Edition von Fotografien der Objekte an.

Das Projekt nutzte den Galerieraum nicht nur als Gesprächsraum, sondern auch als Atelierraum, Fotostudio, Lager, Performance- und Ausstellungsfläche. Es adressierte sowohl kunstinteressierte als auch kunstferne, politisch und ökologisch interessierte Bürger/innen der Berner Stadtgesellschaft. Die Galeristin wurde zur Kommunikatorin und Moderatorin des Projekts in der Stadt und blieb zugleich Schaltstelle zum Kunstmarkt. Verkauft wurden die Abbildungen schöner Objekte, die durch den Transformationsprozess politisch aufgeladen sind.

Das Wesen der Verpackung | Instagram